Das „traditionsreiche“ österreichische Märzen

Ich gebe zu, die Überschrift ist etwas provokant gehalten, das Märzen ist definitiv der beliebteste Stil in Österreich auch wenn es erst knapp über hundert Jahre alt ist.

Das österreichische Märzen ist in der restlichen Welt unter dem Begriff „deutsches Helles“ bekannt, und fällt laut BJCP (=Beer Judge Certification Program) in die Kategorie 4A – Munich Helles. Der Name Märzen kommt noch aus der Zeit ohne Kühlung, da untergäriges Bier nur bei niedrigen Temperaturen vergoren werden kann, war die Saison für diesen Bierstil mit März vorbei.
Es wird als reines, goldfarbenes deutsches Lagerbier (=untergäriges Bier) mit einem weichen getreidig-süßen Malzgeschmack beschrieben. Des Weiteren hat es einen weichen trockenen Abgang. Unterschwellige Hopfennoten mit einer zurückhaltenden Bitterkeit sollen helfen die Balance zwischen Malz und Hopfen zu halten, was es zu einem idealen Alltagsbier macht. In Österreich muss es zwischen 11°P und 16°P haben.

Im BJCP  gibt es noch weiterführende Beschreibungen, generell empfehle ich die Stilrichtlinien zu lesen und zu verstehen – auch wenn man sie nicht zu 100% befolgen muss, sind sie doch ein guter Richtwert wenn man gezielt nach Bierstilen brauen will.

Aber zurück zum österreichischen Märzen. Dieses ist mit Abstand der meistgetrunkene Bierstil in Österreich. Es ist etwas intensiver als das internationale Lager und ihm fehlt der typische Diacetylgeschmack der tschechischen Vertreter. Jede Brauerei in Österreich braut eines und aufgrund der erwünschten Balance zwischen Malz und Hopfen sowie einer geforderten goldgelben Farbe und untergäriger Hefe schmeckt man jeden Fehler.

Es ist unglaublich schwierig, diesem Bierstil seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Daraus resultiert, dass Märzenbiere verschiedener Brauereien sehr ähnlich schmecken. Ich behaupte sogar, dass es wahrscheinlicher ist, Fehler aufgrund der falschen Lagerung eher zu schmecken, als tatsächlich unterschiedliche Marken wahrzunehmen.

Aber wie entsteht sie, nun diese verbreitete Gattung, und wieso entsteht sie erst am Ende des 19. Jahrhunderts?

Um helles untergäriges Bier zu bekommen müssen einige wichtige technologische Fortschritte im Brauereiwesen betrachtet werden. Zunächst muss helles Malz zur Verfügung stehen. Helles Malz wird durch relativ kühles darren (= trocknen mit heißer Luft) bei 80°C erreicht. Die Bierwürze darf sich beim Brauen nicht mehr verfärben weswegen ein Infusionsverfahren besser als das altertümliche Dekoktionsverfahren ist. Nach dem Brauen muss mit untergärigen Reinhefestämmen zwischen 4°C und 9°C über mehrere Wochen vergoren werden.

Es ist leicht ersichtlich, dass die genaue Temperatursteuerung Dreh- und Angelpunkt eines erfolgreichen hellen Bieres ist. Diese wiederum ist erst in der heutigen Zeit möglich. Unter Anderem ist gerade die Kühltechnik dank Lindeverfahren und Anton Dreher in der Brauerei Anfang des 20.Jahrhunderts dafür verantwortlich.

Kurzum ist das österreichische Märzen, in seiner perfekten Balance definitiv eine technologische Meisterleistung.

Darauf ein Prost!

Nachtrag 07.03.2020: proBier.tv über einen bekannten Vertreter.

Die erste Pflicht der Musensöhne
Ist, dass man sich ans Bier gewöhne.

Wilhelm Busch

Veröffentlicht von Enkidus Braustube

Passionierter Hobbybrauer mit dem Drang über Bier reden zu müssen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: